Die erste intensive Auseinandersetzung mit Schiller hatte er am Institut für Literatur in Leipzig. Während eines Kreativ-Seminars hat er den "Wilhelm Tell" umgeschrieben und vorzeitig enden lassen. "Der Landvoigt Gessner hat in meiner Version Wilhelm Tell den Schuss auf seinen Sohn erlassen.", sagt er. Stattdessen ließ er Gessner und Tell einen Disput aus Sprichwörtern führen. Das Ende des Stückes.
"Heute wäre immer noch finstere Monarchie in der Schweiz. Ich wollte anhand von Schiller zeigen, wie kleine Ereignisse die Welt verändern, wenn sie statt Fiktion Realität wären." Gerald Höfer ist Schriftsteller aus Passion. Er arbeitet in Jena als Marketingleiter einer Softwarefirma und studiert Literatur an der Universität Jena.


Seine eigentliche Schiller-Vorliebe ist der Marquis von Posa aus dem Drama Don Carlos. "Ich meine, dass er in einem Gespräch mit König Philipp sagte: Geben Sie Gedankenfreiheit! Etwas, was ich gern Herrn Schäuble vorschlagen würde. Mit dem Ziel den Terrorismus zu bekämpfen, nähert er sich immer mehr dem Überwachungsstaat. Heute darf man zwar Gedankenfreiheit leben, aber was hilft es, wenn der Staat es mitschneidet?", sagt der 49-jährige. "Gedankenfreiheit ist eine wunderbare Utopie - durch das Wort allein den Herrscher zu einer anderen Handlung zu bringen."
Doch nicht nur an diesem Beispiel zeige sich, dass Schiller heute noch so wahr wie damals ist. "Ich kann nur jedem empfehlen Schillers Novelle "Das Verbrechen aus verlorener Ehre" zu lesen, um die Motive der Menschen zu verstehen, die - wie kürzlich in Winnenden erst geschehen - Amok laufen. Die Hauptfigur wird an den Rand der Gesellschaft getrieben, durch ein Maß an Ungerechtigkeit, welches so hoch ist, dass er zum Mörder wird."

Am Ende versöhnlich

Unter allen Emailletafeln, die in Jena hängen, sei Schillers Tafel ohne Zweifel eine der bedeutendsten. "Schiller war ein radikaler Aufklärer. Aufklären heißt ja immer, mit Daten, Fakten und Nächstenliebe Menschen zu neuer Lebensqualität zu führen. Auch wenn ich die Romantiker wie Fichte und Schlegel sehr schätze, sie haben diesen Ansatz gar nicht", sagt Gerald Höfer. Gerade deshalb sei es verständlich und unverständlich zugleich, wie Schiller heute vermarktet wird. "Schon bei Brecht hieß es, wir ehren ihn, indem wir uns nützen. Schiller hat zehn Jahre eine Gastrolle in Jena gegeben, war trotzdem ein bedeutender Professor", sagt er weiter. Das Tragische an Schiller aus heutiger Sicht sei, dass er einer der bedeutendsten Aufklärer war; die Aufklärung als gesellschaftliches Modell jedoch gescheitert sei. "Mit Nächstenliebe und Belehrung gelingt es nicht, die Welt gerechter zu machen. Vielleicht ein Stück weit zivilisierter aber nicht gerecht."
Nach soviel Schwarzmalerei zeigt sich Gerald Höfer am Ende dennoch versöhnlich: "Ich glaube, wenn Schiller sehen würde, wie sich Jena in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, hätte er es positiv empfunden. Jena hat sich zu einer Stadt entwickelt, in der man sich wohl fühlen kann."
In: Thüringer Landeszeitung, 28.05.2009