Belphegor 2004

I

Solange ich die Erfahrungen nur aus meinem Herzen und dem kleinen Kreis meiner Freunde nahm, solange konnte ich mich mit einer schönen Welt belügen. Der Mensch war mir ein Geschöpf höherer Ordnung, geschmückt mit den auserlesensten Vollkommenheiten, und die Welt der einzige Aufenthalt der Harmonie, der Zufriedenheit, der Glückseligkeit. Man stieß mich aus meiner idealen Welt in die wirkliche, man ließ mich die Geschichte der Menschheit und der Völker durchleben, man warf mich in den Wirbel des Eigennutzes, des Neides, und der Unterdrückung, in dem meine Zeitgenossen herumgeschleudert werden; wie wandelte sich die ganze Szene in meinem Kopf?

Die blumigen Täler voll friedlicher Geschöpfe, die ihre Zeit in Eintracht dahinlebten, fuhren zurück, stattdessen traten Wälder und Gebirge mit zusammengerotteten, auflauernden Verbrechern hervor, wo jeder des anderen Feind war, wo jeder Auftritt das Theater mit Blut besudelte, in jedem eine Grausamkeit begangen wurde. Es war mir jetzt die Welt eine dunkle Höhle, und der Mensch ein listiger, gewalttätiger Räuber; eine Maschine des Neides und der Sucht nach Macht.

 

II

Ich traf an einem kleinen Bach einen Soldaten, der sich in der Wüste einige Orden erfochten hatte und nun hier seine Wunden wusch. Ich setzte mich zu ihm und erzählte ihm von der Verwüstung und dem Elend, das ich unterwegs angetroffen hatte. Der andere hörte sich das mit stolzem Lächeln an:
Ja! Heute sind wir gut gewesen!
Sprach er und strich den Bart.

Aber um Himmels Willen, rief ich vor Wut zitternd, wer gab euch denn das Recht, so viele Leute unglücklich zu machen?

Der Krieg! Brüllte der Soldat.

 Und wer gab euch das Recht zum Krieg?

Die Leute leben hierzulande unterdrückt, doch ihre Diktatoren verkaufen uns ihr Öl, feiern, schwelgen und schmausen. Wir haben zwölf mal hunderttausend geübte Arme, Flugzeuge, Panzer, neueste Raketen und sie nicht mal die Hälfte. Wir werden ihnen schon die Demokratie beibringen!

Und ihr Barbaren, ist eure Übermacht das Recht, euerm Größenwahn so viele Unschuldige zu opfern? Ist das euer Recht?

Kerl! Du bist nicht richtig im Kopf, so ungereimtes Zeug redest du. Am besten: Ab mit dir ins Irrenhaus!

So ergriff mich der Krieger, band mich mit Handschellen, warf mich auf seinen Jeep und ließ mich auf der Ladefläche liegen. Zwei Stunden nach unserer Ankunft in der nächsten Stadt war ich zwar nicht im Irren- aber im Zuchthaus einquartiert, wo ich an einen Pfahl gebunden mit dreißig Fausthieben willkommen geheißen wurde. Dann schloss man mich ein.

 

III

Ich saß vielleicht drei Wochen in der stinkenden Zelle, als die Soldaten verschwanden und nach kurzer Stille hörte ich draußen Geschrei. Schon wieder was, dachte ich. Von mir aus! Schlagt euch in Stücke, aber lasst mich zufrieden. Man schloss meine Zelle auf und brachte mich zum Kommandeur.

Allah hat dir das Leben geschenkt, so willst du mit uns für die Freiheit fechten?

Gebt mir die meine und dann seht, wie ihr eure behauptet!

Da fing man sogleich an, mich zu einer Mauer zu führen und mir die Augen zu verbinden.  Halt! Sagt mir erst wer euch eure Freiheit genommen hat und gern bin ich bereit, für sie zu kämpfen!

Der liebe Gott hat uns nur zwei Hände und zwei Füße gegeben und doch sollen wir für die Leute, die uns beherrschen, soviel arbeiten, als wenn wir ein Dutzend hätten. Sie meinen, wir hätten keinen Magen, wir sollten nur hungern, sie würden schon für uns essen, und ob uns ein paar Lumpen vom Leibe hingen, oder nicht, wäre gleich. Ihr Adam sei im Paradies auch nackt gegangen und ein braver Mann gewesen. Wozu bräuchten solche Lumpenkerle Geld, wir hätten ohnehin nur Löcher in den Taschen, also wär´s doch tausendmal besser, wenn wir´s ihnen gäben, bevor wir es verlören, das wär´ doch jammerschade. Sie wollten uns dafür rausgeputzte Liftboys, schöne Frauen, allerliebste Hunde und teure Autos zu sehen geben, und jeden Sonntag sollten wir "Bravo!" und "Hoch, Hoch, Hoch!" rufen, ihnen ein langes Leben wünschen und wenn wir noch etwas aus Versehen in der Tasche hätten, es in ihren Gasthäusern auf ihr Wohl versaufen. Sonst sollten wir fleißig sein, die Schnauze halten und Gott danken, dass er uns solch gute Herrn beschert hat, die uns nicht zu Tode schinden, solange wir auch ihre Kunden sind. Das Leben haben wir satt, und freier Tod ist besser als diese Sklaverei, so schlugen wir zu: Achtzehn Botschaften und zwei Züge haben wir gesprengt, zwei Türme zu Schutt niedergebrannt, hunderten Ungläubigen die Wänste aufgeschnitten, und viertausend ihrer Anhänger gebraten mitsamt ihren Büros, Teppichen, Telefonen und Computern, die sie von unserm Geld gekauft hatten!

 

IV

So wenig ich mir die Ehre wünschte, sie als Anführer zu befehlen oder auch das Amt überhaupt versehen konnte, so wollte ich doch lieber als Kommandant vor ihnen herhinken, als an der blutigen Mauer durchlöchert zu werden. Der Marsch ging auf das staatliche Funkhaus zu, dem sie den nächsten Besuch zugedacht hatten. Sie hatten ihre Ankunft durch mehrere Granaten in die Fenster angekündigt, das Hauptgebäude aufgebrochen und liefen schon herum, um brennbares Material zu holen, da plötzlich war der stürmische Haufen von einer Truppe der Besatzer eingeschlossen. Man schrie, betete, rannte. Man verbarrikadierte sich, wollte durchbrechen, man erschoss, erwürgte, einige erspießten mit Mistgabeln andre schlug man mit Knüppeln tot andere metzelten ihre Feinde mit Säbeln nieder viele versuchten zu fliehen, suchten einen Fluchtweg, fanden ihn nirgends. Abgerissene Füße, zerfetzte Arme, zerquetschte Köpfe, verstümmelte Leichen, Waffen, Beute und Autowracks lagen in schrecklichstem Chaos durcheinander. Zweihundert Moslems wurden auf dem Platz erschossen, von Panzern zermalmt, zerquetscht, von Granaten zerrissen. Nur wenige entkamen. Wir fielen den Verfolgern in die Hände. Eine Allee vor dem Funkhaus wurde sogleich mit Leichen zur Abschreckung geschmückt. Weitere wurden erschossen, verprügelt und gedemütigt. Für uns Anführer jedoch wollte man sich in Ruhe eine Strafe ausdenken.

 

V

Ihr wollt also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?,

sagte der Richter.

Gleiches Recht?
Wozu? Es bleibt doch alles beim Alten. Das ist doch immer so gewesen, der Stärkere hat von Ewigkeiten her den Schwächeren zum Sklaven gehabt. Ein Mensch hat immer über den anderen herrschen wollen und wer den anderen niederwerfen konnte, der ist der Herr gewesen. Es war ja immer so, daß der Schwache, der sich auflehnt, gehangen, geköpft oder gerädert wird. Es ist immer so gewesen. Was wollen sie denn Neues haben? Die Menschen haben einander immer gequält, und wer sich nicht quälen ließ, den schlug man tot. Es ist immer so gewesen. Wenn dirs nicht gefällt, dann ändre das; mache, dass du morgen nicht gekreuzigt wirst, so hast du Recht. Aber bis jetzt haben wir´s.

 

VI

Freiheit!,
wer von euch genießt sie? Die meisten müssen sich mit dem Schatten und dem Worte begnügen. Macht die Rechnung und unter den Völkern dieser Erde werdet ihr nicht beim zehntausendsten Prozent Freiheit finden. Nirgends sind die Bewohner der Erde zufrieden und nirgends können sie es sein. Doch ihr, ihr Unwissenden, ihr, denen der Himmel bloß schlichten Menschenverstand und keinen forschenden, grübelnden Geist gab, ihr schleicht den Pfad eures Lebens dahin, weint oder lacht, ihr lasst euch, damit ihr eure Ruhe habt, feste Meinungen einpfropfen, die ihr mit der Zeit selber glaubt, und ihr fühlt euch wohl dabei. Weil euer Horizont nicht weit reicht, seht ihr nicht viel vom Unrecht, von der Unordnung der Welt nur kleine Stücke, die euch nicht berühren, eh sie euch auf den Schädel fallen!

Wie wäre ich glücklich, könnte ich all meine Erfahrungen von mir werfen, meine Gefühle abstumpfen und meinen Horizont so weit wie möglich einengen, könnte ich sein, wie ihr! Ich wäre doppelt glücklich, das wäre das Himmelreich!