Gerettet!

(Leseprobe, Manuskriptauszug, Kapitel 4; Jena)

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragte mich ein jugendliches Gesicht von einer Plakatwand herab, als ich meinen silbernen Rollkoffer ratternd hinter mir her zog. Ja, Ich wohnte. Die einzigen Unterschiede meines angemieteten Raumes im dritten Stock eines Gründerzeitbaus zur jämmerlichen Behausung von Spitzwegs armem Poeten, bestanden darin, dass ich keinen Schirm brauchte, denn das Dach der Kammer war dicht, und dass das Zimmerchen über ein Bad mit Dusche und einen Kühlschrank verfügte. Die karge Möblierung bestand aus einem Kleiderschrank, einer durchgelegenen Liege, einem Tisch zum Essen, einem Minischreibtisch zum Arbeiten und einem Stuhl, den ich bei Bedarf hin- und herrückte. Ich hatte mir den Luxus eines Flachbildfernsehers gegönnt und stieß bereits an meine und die Grenzen des Zimmers als ich ihn aus der Verpackung zauberte ohne sie zerstören zu wollen.

Dort wohnte ich nun bereits zwei Jahre, aber immerhin war die Adresse super: Lutherstraße 37 in Jena. Die Lutherstraße, das klang nach Bildung, Protestantismus, Widerrede, Standhaftigkeit. Ich hatte es gut getroffen. Es hätte auch die Blaumeisengasse 176 oder Hinterm Berge 12 werden können. Wahrscheinlich gibt das der schwierige Jenaer Immobilienmarkt her. Schwierig im Übrigen mehr für den potenziellen Mieter als den ortskundigen Makler. Aber die Lutherstraße, das war ein Hinweis auf Größe. Für diejenigen, die Jena nur vom Namen her kennen, klingt es wie gutbürgerliche Wohngegend, wo sich Dr. Fuchs und Professor Hase Gute-Nacht sagen. Jenaer wissen: Das ist fast Zentrum – quasi zwischen Westbahnhof und Institut für Pathologie. Der Zustand der Fahrbahn war dürftig. Ein Bitumenschichtchen deckte das darunter liegende Kopfsteinpflaster zumindest bis es Winter wurde, dann brach der Belag großflächig an vielen Stellen. Die entstandenen Schlaglöcher zumindest waren gut gepflastert, schlackeblau. Ein Freund, der täglich auf dem Weg zur Arbeit die Lutherstraße befuhr, sagte dann immer: Jetzt kommt das Reformationspflaster wieder durch. Im Frühjahr rückte jährlich nach dem letzten Nachtfrost der Reparaturtrupp der Straßenmeisterei an und kleisterte die Löcher im Patchworkstil wieder zu, wahrscheinlich finanziert aus den Ordnungsgeldern der Falschparker der letzten zwölf Monate.

Die Fußwege im unteren Teil bestanden aus kleinteiligen Basaltwürfeln und waren holprig wie Verse im Küchenlatein. Darauf ratterte mein schlecht gefederter Rollkoffer besonders laut. Auch gerade am 29. November 2010 um 22.45 Uhr. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Ich sorgte mit meiner Fracht für Belebung im Viertel. Mich durchfuhr ein Schauer stolzer Schadenfreude. Der Inhalt meines Koffers passte ebenso gut zur Situation. Neben etwas Wäsche hatte ich die Kopie einer Schrift zur christlichen Erweckungsbewegung eingepackt, die ich im Zug durchgearbeitet hatte. Das wertvollste jedoch war die rote A5-Kladde mit meiner handschriftlichen Kopie des Clajus-Gedichts von 1576. Es war Sonntagnacht in der Lutherstraße. Der Spätreformator lärmte und die Erwecker erweckten. Wenn das kein Einstieg in den Advent war.

 

Was verführte mich eigentlich, das Notizbüchlein mit nach Jena zu nehmen? Die Antwort ist so simpel wie beschämend: Gut verschleierte Unbildung und maximale Faulheit. Ja, ich hatte an der Jenaer Universität einige Semesterstunden in das Erlernen der lateinischen Sprache und Grammatik investiert. Die Dozentin war hervorragend und ich verstand von Stunde zu Stunde mehr. Was sie zu meinem Leidwesen aber nicht für mich tat, war das mühselige Vokabellernen. Dafür gab es Wörterbücher. Dachte ich. Mein Latein war mehr schlecht als recht. Für eine notdürftige deutsche Inhaltswiedergabe des Hochzeitsgedichts hat es gereicht. Für die Nuancen zwischen den Zeilen, das was den Dichter im Text einzigartig macht, dafür reichte es nicht: Besser gesagt, ich konnte nicht mal einschätzen, ob es gereicht hätte oder nicht. Mein Urteilsvermögen entsprach dem der dreitausend Hilfstrainer, die am Samstagnachmittag mit ihren Kommentaren und Urteilen die Ränge des Ernst-Abbe-Sportfeldes fluteten, wenn ihr geliebter FC-Carl-Zeiss der nächsten Heimniederlage in der dritten Liga entgegen kickte. Ich brauchte also Hilfe und Kompetenz. Wo ließe sie sich mehr vermuten als an einer großen Universität? Dort würde sich auch ein Kopierer finden, auf dem ich schnell und für schmales Geld meine handschriftliche Krakelei zumindest aufs A4-Format vergrößern könnte. Mit dem ausgefallenen Schriftbild würde der Experte leben müssen. Ob er wirklich der Experte sein würde? Ich fand es nie heraus. Seine Referenzen bestanden, nur für mich natürlich, nicht etwa darin, gelehrsame oder erbauliche Werke in Deutsch und Latein geschrieben zu haben, die ich kannte, sondern waren eher emotionaler Natur. Allein die Nennung seines Doppelnamens verbreitete unter Studenten, die unbedingt diesen „Latein-Schein“ – im eigentlichen und übertragenen Sinne – für die erfolgreiche Fortsetzung ihres Studiums brauchten, Angst und Schrecken. Eine Studentin berichtete, auf einer ihrer Übersetzungen seien noch die Abdrücke seiner Schuhe gewesen, als sie die mit „nicht bestanden“ quittierte Arbeit zurückerhalten hatte. Nicht dass sie nicht den Beweis erbracht hätte, die lateinische Sprache zu verstehen. Sie war durchgefallen, weil der Herr Professor der Meinung war, dass ihr deutscher Text, dem toten Tacitus noch im Grabe Gewalt angetan habe. Und ich wollte den besten. Diese Lehrkraft schien mir der rechte Mann für ein Gespräch. Ich suchte auf der Webseite des Instituts nach der Adresse und nach Sprechzeiten. Dort standen Sprechzeiten für Studenten. Sein Student war ich nicht und diese Situationen versuchte ich grundsätzlich zu vermeiden. Dort reiht man sich möglichst 6.23 Uhr in die Warteschlange von Gestalten ein, die den Eindruck machen, als haben sie nicht nur die halbe Nacht bereits dort verbracht, sondern schon längere Zeit im Treppenhaus gecampt, um dann um 12.00 Uhr zu erfahren, dass die heutige Sprechzeit leider um ist. Das war nicht meine Vorstellung von einem Projektgespräch unter potenziellen Autoren eines gemeinsamen Büchleins. Mir blieb also nur mich auf das kleingedruckte „oder n.V.“ zu berufen und außerhalb der Öffnungszeiten mein Glück zu versuchen.

Auf dem Flur des Instituts, in dem er residierte, war es verdächtig still. Ich fand in der Mitte des Gangs in der 2. Etage tatsächlich die Tür zu seinem Büro. Unter der Nummer des Raums hing ein in 4-Zeilern abgefasstes 12-strophiges Gedicht, das in streng gereimten Knittelversen jeden Studenten, der es bis hierher gewagt hatte, noch einmal darauf hinwies, dass er sich jetzt an der Pforte zur Arena des Zirkus Maximus befand, hinter der der Löwe bereits darauf wartete ihn zu zerfleischen und zwar mitsamt des Machwerks, das er sich erlaubt hatte mitzubringen. Ich schmunzelte. Denn, was ich ihm zu bringen gedachte, würde sein Herz höher schlagen lassen: Ich trug frühprotestantische lateinische Lyrik aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Gepäck, die auch der VD16 gelistet hatte. Immer noch das Lächeln im Gesicht, klopfte ich und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte ich die Klinke. Der Überraschungseffekt sollte mir gehören und mich in die Offensive des Gesprächs bringen. Doch die Tür öffnete sich nicht. Ich klinkte noch dreimal. So eine Universitätstür kann ja auch klemmen. Die klemmte nicht. Sie war einfach verschlossen wie der Weg zu höherer Bildung ohne Geld oder Abitur. BaFög spielt dem unbedarften Studienanfänger vor, den Wissenserwerb ohne finanzielle Sorgen absolvieren zu können. Das Geld kommt ja von Vater Staat. Aber der erweist sich spätestens 6 Monate nach dem Diplom oder Master als Rabenvater. Dann will er seine knauserige Unterstützung zurück und zwar auf Heller und Pfennig und mit Zinsen versteht sich. Berufsausbildungsförderungsgesetz ist nur der verschleierte Name eines staatseigenen Kreditinstituts, das sich am akademischen Nachwuchs vergeht. Wie viele Absolventen mag es wohl geben, die bis zum Sanktnimmerleinstag ihre Schulden abbüßen? Ich will es gar nicht wissen.

Ich spähte den Flur entlang. Niemand war zu sehen. Was tun? Wie ein Hund, der seinen Knochen nicht bekommt, davon schleichen und später wieder kommen? So schnell gab ich nicht auf. Es war ein normaler Dienstag im Dezember kurz nach 14.00 Uhr, der Totensonntag war vorbei. Ich hoffte irgendjemanden nach dem Professor fragen zu können. Wann er, wenn nicht heute, denn in der Regel zu sprechen sei, möglichst außerhalb der Audienzen, in denen er seine Studenten zu empfangen pflegte. Aber ich erfuhr es nie. Die Hiwis, die ich in klitzekleinen Büros vorfand, forschten spanisch, amharisch, oskisch - nur nicht Latein. Und wann der Lateiner da sei, wüssten sie eben so wenig wie ich. Eine Sekretärin war nicht aufzufinden und wenn es sie tatsächlich gibt, hatte sie sich gut getarnt. Nach 45 Minuten beschloss ich, einen zweiten Anlauf für das nächste Jahr zu planen. Schließlich war bald Weihnachten, das Fest der Ruhe und der Einkehr. Den Erfolg meines Vorhabens allerdings wollte ich diesmal durch ein geschicktes taktisches Manöver vorbereiten. Wozu hatte ich denn einen Power-Management-Grundkurs mit Schwerpunkt „MS Outlook“ bei einem braungebrutzelten Unternehmensberater, der auf Mallorca sein Salär verprasst, über mich ergehen lassen? Jetzt könnte ich das Gelernte anwenden: Ich würde eine eMail schreiben.

*

 


Pilot

 

Bergab.

Immer nur bergab.

Ich renne,

und springe

in den geliehenen Sarg.

Naturgetrieben,

kein zurück.

 

Steuer vermeintlich selbst

in der Hand.

Spurenende:

losgelassen, führungslos.

Die Kiste scharrt mit den Kufen,

rast durch die Welt.

Glitzernde Grenzen.

 

Find ich den Weg?

Meinen Weg,

mit der Last

der Verantwortung

für die Freunde,

Kollegen, Mitstreiter,

die blind vertrauen?

 

Durchkommen,

Nur durchkommen

reicht nicht.

Durchschlängeln

durch das Labyrinth

der Regeln, der technischen Perfektion,

ohne anzuecken.

 

Ständig die Richtung ändern,

an den Seilen zerren

und immer nur bergab

hoch, runter,

im Kreis, Auswege suchen.

Einschläge rechts, Einschläge links,

Ruhe nur kurz.

 

Schneller und schneller,

in die Kälte gedrückt,

fast erstarrt.

Kaum zu ertragen

der Druck. Kein Blick

rückwärts. Laufen lassen

dem Ende entgegen.

 

Dort ist der Ort der Bewertung

Dort ist der Ort der Abrechnung.

Das Leben ist kurz

und führt bergab

immer nur bergab.

 

 

Anschieber

Ich quäle mich. Täglich

fit bleiben:

Gebot für den Job.

Nur Leistung zählt

im entscheidenden Moment.

Mental geeicht.

 

Das Signal.

Sechs Sekunden Hölle.

Hinten brüllen die,

die immer brüllen.

Ich schiebe.

Das bringt Bewegung in die Sache.

 

Mein Druck, Hinterrücks

kommt alles in Fahrt,

zeigt grob den Weg,

beschleunigt jede Entscheidung.

Der Pilot hält das Steuer

In der eisigen Welt

 

Ich wünschte, er wüsste,

wo’s langgeht,

springe auf,

die Gestürzten bleiben zurück.

Kopf runter und vorwärts.

Nur diese Richtung.

Nicht rechts und nicht links.

 

Es ist einzig die Masse

die schiebt.

Der an der Spitze

wird die Grenzen schon kennen

und sicher manövrieren

ist eine Kunst.

 

Ruhig verhalten,

vertrauen in die Weitsicht

des Lenkers. Einmal in Fahrt

bleibt nichts außer Hoffnung,

bei all den Schikanen

dass nichts mehr kippt.

 

Vorwärts nur vorwärts,

schneller und schneller,

Kein Ziel vor den Augen.

Nicht eingreifen,

ruhig bleiben und nur

nicht bremsen

bis ins Ziel.